POWDER ROOM TALK Volume 3: Botox, Filler & Co. – der schmale Grat der Selbstoptimierung

Ich botoxe! Darüber habe ich schon an verschiedensten Stellen geschrieben, auf Instagram auch schon offen darüber gesprochen und auf Facebook gibt es auch eine einstündige Botox-Info-Session mit meinem Münchner Hautarzt Dr. Ellwanger, bei dem ich in Sachen Falten in Behandlung bin. Schon immer gehe ich sehr offen mit dem Thema Botox um, weil ich einfach nichts davon halte Euch zu veräppeln. Punkt. Alle paar Monate lasse ich mir also meine Zornesfalte mit Botox lahm legen und habe auch aufgrund eines kleinen Volumenverlusts auch schon einmal Filler ausprobiert. Doch jedes Mal, wenn ich meinem Mann oder Freunden von einem neuen Termin erzähle, sehe ich die Fragezeichen und Sorgen in deren Augen. ‚Muss das wirklich sein?‘ ‚Gibt es da nicht super viele Risiken?‘ ‚Du hast das doch gar nicht nötig, Swantje‘. Sätze, die ich immer wieder höre und die Karo und mich zu der heutigen Powder Room Ausgabe motiviert haben, in der wir uns fragen: Selbstoptimierung durch Botox, Filler & Co – Fluch oder Segen?

Swantje sagt:

Instagram, VSCO und Facetune sei Dank, dass wir in den letzten Jahren einen großen Trend Richtung ‚Flawless‘ erleben. Der Po? Muss knackig und ohne Dellen sein. Der Lifestyle? Avocadotoasts, tägliche Gym-Sessions und ein rundum healthy lifestyle sind einfach total normal. Und Gesichter? Ja, unsere Gesichter müssen glatt, ebenmäßig und am besten ohne jede Falte sein. Gerade letzteres können wir im Netz dank Filtern und Facetune noch kaschieren, aber im echten Leben gibt es eben keine Filter, die eine Zornesfalte oder Augenringe für einen Tag wegradieren. Was es aber gibt sind Filler, Botox und – für alle, die noch weitergehen wollen – plastische Chirurgie, die diese kleinen Makel von temporär bis dauerhaft beheben. Ich frage mich auch immer wieder:

ich botoxe nun schon seit einigen Jahren und habe zuletzt auch mal einen Filler in die Zornesfalte gespritzt – aber wo hört der ganze Spaß der Selbstoptimierung eigentlich auf? Sind diese Treatments Fluch oder Segen?

Um ehrlich zu sein: ich weiß es nicht. Denn wenn ich zurück schaue, muss ich gestehen, dass ich früher zu der Sorte ‚Botox? Auf gar keinen Fall!‘ gehört habe. Es war für mich einfach unvorstellbar, wie man sich Spritzen ins Gesicht jagen kann, nur um eine Falte auszumerzen. Nun gut, dann kam die erste Falte und meine Laune im Keller. Je mehr ich mich damals mit dem Thema beschäftigte, desto mehr verstand ich und desto mehr merkte ich, wie falsch ich Botox eingeordnet hatte. Ähnlich ging es mir mit Fillern: ich war vom schlechten Image gebrainwashed – bis ich mich damit auseinander setzte und verstand, dass sie bei einem richtig dosierten Einsatz durch einen Profi der jeweiligen Person wirklich ‚weiterhelfen‘ konnte. Denn: man unterzieht sich solchen Treatments ja nicht aus Spaß, sondern aus einer Art Leidensdruck heraus.

Und das ist für mich der springende Punkt! Für mich kommt es auf die Motivation hinter Fillern, Botox oder anderen Eingriffen an.

Meine Mutter beispielsweise leidet unter ihren Hängeliedern. Nicht, dass sie sich im Spiegel nicht mehr schön findet, sondern ihr Sichtfeld ist nachweislich beeinträchtigt. Warum sollte man so etwas nicht ‚beheben‘ lassen? Bie mir ist das anders, denn durch meine Zornesfalte bin ich zwar keineswegs beeinträchtigt, aber mir persönlich geht sie auf die Nerven. Wenn ich Bilder von mir sehe oder in den Spiegel blicke, finde ich dass meine Falte mich ‚böse‘ aussehen lässt und mich stört der Schatten auf der Stirn. Es stört mich zudem, dass sich Make-up in dieser kleinen fiesen Hautfalte zwischen meinen Augenbrauen absetzt. Mich stört es, und genau darum gehts. Ich botoxe also für mich, weil ich mich bei meinem eigenen Anblick im Spiegel wohl fühlen will. Und ich denke das, also das Wohlfühlen, sollte nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen die grundsätzliche Motivation sein, sich mit diversen kosmetischen oder ästhetischen Eingriffen auseinanderzusetzen. Egal ob es ein Wohlfühlen hinsichtlich Schönheit oder besser Sehen ist.

Was ich aber leider immer wieder feststelle ist, dass das nicht immer der Fall ist. Instagram und seine Trends haben ihren Teil dazu beigetragen, dass Mädels sich nicht mehr nur Wimpern ankleben und Augenbrauen tätowieren lassen, sondern Lippen und Gesichter ohne Maß aufgespritzt und glattgebügelt werden. Da habe ich das Gefühl, dass das Gehirn gleich mitwegebotoxt wurde. Dass hier jegliches Maß verloren gegangen ist und ästhetische wie gesundheitliche Grenzen überschritten werden, die vielen bestimmt nicht einmal bewusst sind.

Wenn ich online in diese Gesichter blicke, frage ich mich immer: why though? Das kann doch niemals jemand als schön empfinden. Und wisst ihr was? Es kam schon oft vor, dass ich genau diese Mädels dann auf Events gesehen habe und sie so furchtbar aussahen. Wie Plastikpuppen, um ehrlich zu sein. Oft habe ich mich selbst dabei erwischt, wie ich diese Mädels dann total gedankenverloren angestarrt habe und ein großes SOS im Kopf hatte.

18 Jahre jung, Lippen wie ein Schlauchboot und die Optik einer Barbiepuppie.

Während meines imaginären Fragezeichens denke ich dann auch oft an meine Teenagerzeit zurück, wo ich zugegebenermaßen auch oft angeeckt bin. An einen Satz meiner Tante kann ich mich zum Beispiel noch sehr gut erinnern. Ich trug damals rosafarbenen Lidschatten all over und sie meinte nur: ‚Ähh, Swantje, bist du in den Schminktopf gefallen?!‘ Der Satz tat mir damals ziemlich weh, denn ich war 14 und hatte gerade angefangen mich zu schminken. Ihre rhetorische Frage verunsicherte mich auf Jahre und ich weiß noch genau, wie ich mich immer wieder fragte: ‚Was geht’s dich eigentlich an? Mind your own business!‘ Und das denke ich mir auch jetzt wieder, wenn ich über Botox, Filler & und die überproportional aufgemotzten Lippen nachdenke: jeder kann mit seinem Körper machen was er will. Es steht mir nicht zu, über andere zu urteilen, deren Background, Schicksal oder vielleicht auch deren Leidensgeschichte ich nicht kenne. Wer weiß schon, warum sich das eine Mädel die Lippen überdimensional aufspritzt und die andere sich ein Frozen Face botoxen lässt? Die Antwort liegt auf der Hand: niemand. Und so steht es uns meiner Ansicht nach auch nicht zu, wie viel Selbstoptimierung der oder diejenige betreibt. Am Ende muss jede von uns selbst wissen wie oft, in welchem Maß und für wen sie zur Spritze greift.

Egal ob Körper, Haare oder Gesicht: jeder kann über sich selbst entscheiden und selbst definieren, was er für schön empfindet.

Ich für mich habe gemerkt, dass man sich hierbei aber selbst eine Grenze setzen sollte, um sich nicht darin zu verlieren. Es passiert nämlich ganz schnell, dass man sich an eine optimierte Optik gewöhnt und Botox oder ander Eingriffe zum Alltag werden. Dass man bei jedem Besuch beim Doc noch eine Schippe drauf setzt und noch einen Schritt weitergeht. Und am Ende eben doch den Blick auf sich selbst verfälscht. Ich habe hier einen Deal mit Timo, mit dem ich solche Sachen diskutiere, Treatments aller Art diskutiere und der mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. So einen Kontrollmechanismus halte ich für sehr sinnvoll, denn bei Botox und Co. ist es wie bei Rauchen oder Süßigkeiten eben auch: einmal angefangen, wird’s schwer es wieder zu lassen. Für einen gesunden Selbstschutz kann ich so eine ‚Grenze‘ also nur wärmstens empfehlen.  Ich würde abschließend also meinen: Botox, Filler und Co. sind ein Segen, wenn man sie ‚richtig‘ dosiert, wobei ‚richtig‘ hier jeder selbst definieren kann und auch muss.

Karo sagt:

Als ich Teenie war, schenkten mir Kajal und Mascara die erste optische Veränderung, die in die Kategorie „BÄM“ fallen dürfte. Aus meinen kleinen, blassen Augen mit den blonden Wimpern, wurden mit nur ein paar Handgriffen (und viel Übung) Cat-Eyes wie die der Models aus der Bravo Girl. Mit dem Alter stiegen dann die Möglichkeiten und ich änderte meine Haarfarbe von blond zu braun, begann regelmäßig Selbstbräuner zu verwenden und legte mir mein erstes Wimpernserum zu.

Mit meinem Job in der ELLE Beautyredaktion wurden die Schritte dann in kürzerer Zeit immer größer und auf die Lash-Extensions folgte schnell das Microblading für die Augenbrauen. Ich bin also von der Blondine mit kurzen Wimpern und Löchern in den Augenbrauen in nur wenigen Jahren zur Brünette mit Klimperwimpern und ausschließlich good brow days geworden. Werde ich heute darauf angesprochen, kann ich bei jedem dieser Schritte nur immer wieder sagen „Beste Entscheidung meines Lebens.“

Und trotzdem tue ich mich ein weniger schwer mit all dem, was auf dem Beauty-Menü ein wenig weiter hinten steht.

In letzter Zeit werden mir bei Instagram immer häufiger Werbungen für Schönheitschirurgen, Nasenkorrekturen und Filler angezeigt. Weiß Instagram da etwas, das mir noch gar nicht bewusst ist? Schließlich war ich vor ein paar Monaten auf dem Pressetermin eines Herstellers von Fillern und war von den Vorher-Nachher-Ergebnissen durchaus angetan. Trotzdem verdient für mich alles, das irgendwie in die Kategorie „invasiv“ fällt, ein paar mehr Gedanken, als die Wahl des nächsten Lippenstifts.

Und deshalb möchte ich auch via Instagram nicht zu einem Besuch beim Schönheitschirurgen aufgefordert werden. Danke!

Schaue ich mich dann aber in meinem (beruflichen) Umfeld um, stelle ich immer wieder eines fest: Wenn es gut gemacht ist, sieht man es nicht (Swantje ist hier das beste Beispiel). Inzwischen kenne ich einige Frauen, die bereits Erfahrungen mit Botox, Fillern & Co. gemacht haben und denen man das eben nicht an der Nasenspitze ansieht. Klar, missglückte Negativbeispiele und abschreckende Horrorgeschichten wird es immer geben, aber die ästhetische Medizin entwickelt sich rasant weiter – so rasant, dass ich nicht ganz umhin komme, mich auch mit diesem Teil der Beautybranche zu befassen.

Zum einen, weil es mich beruflich interessiert und ich Eure Fragen (und die kommen durchaus) bestmöglich beantworten möchte, zum anderen, weil auch ich mir manchmal denke „Ach und wenn du das da mal machen lässt?“. Von der Nase, über die Brüste, bis hin zu den Augenlidern: Für jedes Körperareal gibt es eine handvoll Methoden und Eingriffe (manche mehr, manche weniger invasiv), die schnelle Optimierung versprechen.

Doch gerade diese Verlockung macht mir Sorgen.

Hat man die Schwelle zum Beauty-Doc nämlich einmal übertreten, öffnen sich Tür und Tor zu unendlich vielen Möglichkeiten. Nach der Zornesfalte kommen dann Lippen, Kinn oder Beine. Das ist zugegebenermaßen meine größte Angst, was dieses Thema angeht. Ich habe viele Freundinnen, die etwas haben machen lassen und habe keine von ihnen je dafür verurteilt. Aber: Sobald nach OP Nr.1 gleich Nr.2 und 3 kommen, wird es in meinen Augen schwierig. Und genau deshalb ist bei mir noch nicht mehr passiert als Wimpernkleben.

Ich gebe ganz ehrlich zu, dass ich ein wenig Angst habe, den objektiven Blick für mich und meine Symmetrien zu verlieren – dass ich irgendwann vielleicht nicht mehr ganz Ich selbst bin. Und auch wenn einem die Beauty-Docs immer erzählen wollen, dass bei ihnen das Credo „Hauptsache natürlich“ lautet, frage ich mich manchmal beim Anblick des ein oder anderen Arztes, wieso er sich eigentlich nicht selbst an sein Credo gehalten hat.

Auf der anderen Seite: Friseure haben ja auch meistens die schlimmsten Frisuren, oder?

Ja, es gibt etwas an mir, das ich gerne ändern möchte. Nichts, mit dem ich in den vergangenen 30 Jahren nicht hätte leben können, aber je mehr man sich mit den Möglichkeiten beschäftigt, desto interessanter wird es. Und ja, vielleicht werde ich in der Zukunft auch dahingehend aktiv werden. Erst neulich hatte ich ein wahnsinnig spannendes Gespräch mit einer Dermatologin und konnte one on one mal alle meine Vorurteile, Ängste und Sorgen zum Thema „etwas machen lassen“ loswerden. Gesetzt den Fall, ich möchte tatsächlich aktiv werden und mich nicht mehr nur theoretisch mit Botox & Fillern beschäftigen, dann möchte ich mich weder schämen, noch darüber lügen müssen. Eine Spritze macht noch keine Barbiepuppe und trotzdem finde ich es unheimlich wichtig, dass die Schönheitsmedizin eben nicht so selbstverständlich für uns ist, wie der Einkauf beim DM. Und vor allem, dass wir in der Zeit von Schönheitsfiltern, Photoshop und perfekt aussehenden Instagram-Girls nicht vergessen, dass der eigene Körper genau so sein darf, wie er es ist.

Wäre ich heute nochmal 13, würde ich mich beim Anblick all der Perfektion auf Instagram wahrscheinlich im Bett verkriechen.

Denn das Gefühl, das Bewusstsein und den Stolz auf den eigenen Körper und dessen Unversehrtheit ist etwas, das ich erst in meinen 20ern erlernt habe. Ich bin zufrieden mit mir – und trotzdem könnte ich mir die ein oder andere wohlüberlegte Entscheidung zur Selbstoptimierung durchaus vorstellen. Das Wichtigste ist und bleibt dabei aber die bewusste und informierte Entscheidung, die bestmögliche Aufklärung über die Risiken und die Wahl des jeweiligen Experten. Ob und wie man seinen Körper optimieren möchte, bleibt (zum Glück) jedem selbst überlassen. Was aber die Aufklärung darüber angeht, kann man meiner Meinung nach gar nicht genug Informationen bekommen, recherchieren und Fragen stellen.

Und auch wenn Insta & Co. es so leicht aussehen lassen, die perfekten Kurven, Formen und Strukturen zusammenzubauen – wir sind kein Legobaukasten und die Natur liegt mit ihrem Plan meistens gar nicht mal so falsch.

UND WAS DENKT IHR?

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